In der letzten Januarwoche lief die sehr informative Sendereihe der SRF «Facts oder Fake». Nicht alles konnte darin geklärt werden, aber Vieles wurde für Viele verständlicher gemacht. Der Eindruck, der dabei entstand, ist allerdings, dass «man eben aufpassen muss», dann passiert einem schon nichts Böses. Die Realität wird von Fachleuten aber zunehmend anders empfunden. Und die Frage ist: Wie kann man sich schützen? Und wovor?
Die grossen KI-Trends des Jahres 2026
Nichts scheint in puncto Internet noch so zu sein, wie es uns die letzten drei Jahrzehnte schien. Wir verstehen nicht mehr genau, was da im Netz und auch nit immer genau, was mit uns passiert, wenn wir es nutzen.
Die Technologien entwickeln sich schneller, als die Menschen sich anpassen können. Vertrauen und Identität können verloren gehen, und die Wahrheit selbst wird infrage gestellt.
Um die Situation am Anfang des Jahres 2026 besser einzuschätzen, geben wir hier eine Zusammenfassung von Meinungen wieder, die Fachleute dazu geäussert haben.
Solche Fachleute kommen von Universitäten und von namhaften IT-Firmen. Fachleute sind aber insbesondere diejenigen, die selbst Schutz- und Virensoftware («Defender-Software») herstellen, verkaufen und diese ständig weiterentwickeln:
Gute Zusammenfassung der aktuellen Bedrohungen, vor allem aber auch guter Viren- und Computer-Schutz-Programme liefern traditionell Computer-Magazine wie das deutsche CHIP-Magazin (www.chip.de) oder «Computerbild» (www.computerbild.de ).
Für diesen Artikel haben wir auch Kundeninformationen des US-Konzerns «Gen Digital» verwendet, der bekannte Defender-Software wie Norton oder Avast entwickelt und vertreibt.
Diese Fachleute vertreten – unter verschiedenen Blickwinkeln – mehr oder weniger ähnlich lautend die These, dass 2026 das Jahr eines gewaltigen Umbruchs sein wird und dass tatsächlich «nichts mehr sein wird, wie es scheint». Und was es braucht, sagen viele, sei eine «neue digitale Kompetenz, die den meisten Menschen nie beigebracht wurde» (Gen Digital).
Einige Trends der im laufenden Jahr – nicht in einer fernen Zukunft – auf uns zukommenden Entwicklung können demnach schon heute konkret benannt werden:
Trend 1: Menschen werden überprüft, ob sie «Menschen sind».
Im Jahr 2026 werden vorgetäuschte Identitäten («Personas») nicht mehr nur auf Bildschirmen existieren, sondern die Realität der gesamten Internet-Erfahrung durchdringen: KI-gestützte Identitätskopierprogramme können Gesicht, Stimme und Schreibstil einer Person in Sekundenschnelle kopieren, so dass es nahezu unmöglich wird, Echtheit von Fälschung zu unterscheiden.
«Ganze synthetische Persönlichkeiten – Freunde, Kollegen, Influencer und sogar Partner – werden entstehen, basierend auf umfangreichen Sprach- und Stimmmodellen, die mithilfe gesammelter Daten optimiert wurden», schreibt Gen Digital in seiner neuesten Mitteilung an Kunden, welche die Profi-Version ihres Programmes «Avast» gekauft haben.
Gleichzeitig tauchen Systeme auf, die nicht nur Menschen imitieren, sondern wie diese autonom handeln und Entscheidungsprozesse in Gang setzen: Sie können Anrufe planen, E-Mails generieren, verhandeln und Aktionen übergreifend über viele Apps ausführen.
Es ist genau diese Entwicklung, die dazu führt, dass nicht nur die Botschaften selbst überprüft werden müssen (engl.: «verify the message»), sondern auch, ob diese Botschaften von Menschen und nicht von Maschinen hergestellt wurden (engl.: «verify the human»).
Trend 2: KI-Maschinen arbeiten zusammen mit anderen KI-Maschinen an einer Art «künstlichem Internet-Universum».
Es wird sehr bald ein synthetisches Daten-Universum geben, in dem KI-Maschinen mit KI-Maschinen kooperieren, ein Umstand der bereits seit Monaten auf Social-Media-Plattformen wie LinkedIn kritisiert wird: Das Internet befindet sich dann in einer KI-gestützten Rückkopplungsschleife. Maschinell generierte Inhalte werden dabei von anderen KIs gesammelt, zusammengefasst und neu verpackt, wodurch Fakten verzerrt und viele Online-Informationen bedeutungslos werden.
Die Folge: Die Menschen werden das Vertrauen verlieren und Wege finden müssen, neu alles, was sie online lesen oder sehen, zu überprüfen. Es wird mühsam, und eigentlich ist es das schon zum Teil heute.
Trend 3: Eine «Scam-Industrie» arbeitet an «künstlichen Emotionen in Echtzeit»: Alles Fake.
„Scams“, also Betrugsmaschen, sind bereits heute keine statischen Abläufe mehr, sondern sie sind sich schnell anpassende, emotionale KI-Mechanismen. Mithilfe von Echtzeit-Emotionsanalysen kann KI Tonfall, Kontext und Zögern in Chats erfassen und den Betrug („Scam“) in Millisekunden anpassen. Betrüger kennen nicht mehr nur die Namen ihrer Opfer, sondern spüren deren Angst, deren Vertrauen und Stimmung.
Dies wird zu «empathischen Betrugsmaschen» führen, die menschliche Empathie imitieren, um Menschen noch tiefergehender als bisher zu manipulieren.
Trend 4: Synthetische Identitäten in grosser Zahl befeuern den drohenden «Zusammenbruch des Internets».
Bis Ende 2026 werden, so befürchtet man, synthetische Identitäten die Grundlagen der digitalen Verifizierung („Wer ist das?“) grundlegend infrage stellen. KI-Tools können bereits heute komplette Identitätspakete generieren, inklusive realistischer Ausweise, Rechnungen, Selfies und sogar Live-Video- oder Sprachaufnahmen, die die meisten oberflächlichen Prüfungen bestehen.
«Diese gefälschten Identitäten werden Finanzsysteme, Mietangebote, Jobplattformen und Marktplätze überschwemmen», so die Herstellerfirma Gen Digital.
Fachleute gehen davon aus, dass es als Reaktion darauf in absehbarer Zeit staatlich unterstützte digitale Identitäts-Frameworks geben wird, die statt – wie bisher üblich – eine einmalige persönlichen Verifikation zu verlangen, eine kontinuierliche Identitätsprüfung einbaut: Man muss „bekannt“ sein, um laufend als echt erkannt zu werden. Details wird die kommende Entwicklung in naher Zukunft zeigen.
Trend 5: Browser werden zunehmend zum «Tatort des Betrugs»
Schon bald wird der Browser kein neutrales Fenster zum Internet mehr sein: Er wird zum zentralen Schauplatz für kriminelle Angriffe, von dem aus diese gestartet, automatisiert und grössenmässig angepasst („skaliert“) werden.
Da sich die Menschen zum Einkaufen, für Bankgeschäfte, Arbeit und Kommunikation meist auf wenige Tabs verlassen, dringen Angreifer direkt in diesen Bereich ein und nutzen KI, um sich unauffällig zu verhalten. Die Konsequenzen alleine dieser Entwicklung sind noch gar nicht ganz abzusehen.
Einige Tipps und Vorsichtsmassnahmen
Einer der wichtigsten Empfehlungen ist sicher, eine Defender-Software zu benutzen und den Computer regelmässig von nicht mehr benötigten oder beschädigten Dateien zu reinigen sowie defekte „Registrierungsschlüssel“ zu löschen. Dies leistet in der Regel eine gute und gut eingestellte Defender-Software.
Die weiteren Tipps sind nur eine Auswahl:
Tipp 1: Gewöhnen Sie sich an, zu überprüfen, mit wem oder über was Sie kommunizieren. Verwenden Sie unter Umständen einen zweiten Kanal («Kann ich Sie kurz auf dem Handy zurückrufen?»), um Anrufer oder Anbieter zu identifizieren. Dies kann selbst für den E-Mail-Verkehr sinnvoll sein, da es KI gibt, die Emails selbständig maschinell verfassen kann.
Tipp 2: Achten Sie bei ihnen zugesandten Videos darauf, ob es plausibel (glaubhaft) ist, was ihnen da vorgespielt wurde. Bevor Sie also etwas «online glauben», wenden Sie die einfache Regel der zweiten Quelle an. Suchen Sie nach mindestens einer glaubwürdigen, unabhängigen Quelle, die die Behauptung bestätigt.
Bei allem, was mit Finanzen, Sicherheit oder Gesundheit zu tun hat, wenden Sie sich zuerst an die offizielle Quelle, die ihnen die Leistung anbietet oder die Sie kennen. Überprüfen Sie direkt (!) die Website des Unternehmens, die Seite einer Regierungsbehörde oder den ursprünglichen Herausgeber, anstatt weiterverbreitete Inhalte „aus zweiter Hand“ zu verwenden.
Tipp 3: «Gefühls-Betrüger» nutzen zuerst Gefühle und erst dann Logik aus. Wenn eine Nachricht also Angst, Dringlichkeit, Schuldgefühle oder sogar Aufregung auslöst, dann „schalten Sie zuerst einen Gang zurück“.
Distanzieren Sie sich von dem emotionalen Impuls, und sei er noch so schön, dann benennen Sie das Gefühl, das Sie empfinden. Schaffen Sie schliesslich eine emotionale Distanz, und überlegen Sie dann, ob sie alles verstanden haben und ob sie die Dinge so wollen, wie Sie Ihnen aus der Distanz und Überlegung heraus erscheinen. – Im Zweifel: Abbrechen, zur eigenen Sicherheit.
Tipp 4: Ausweisdokumente praktisch nie, oder nur wenn erforderlich (Botschaften, Konsulate oder ähnliches) und dann nur über offizielle Websites oder Apps mitteilen. Dies scheint nur selten wirklich erforderlich, obwohl die Business-Plattform „Linkedin“, dies laufend empfiehlt: Man „kann“ auch ohne. Vermeiden Sie schliesslich unbedingt das Hochladen von Zugangsdaten über nicht von ihnen angeforderte Links.
Tipp 5: Kombinieren Sie „gute Browserhygiene“ mit umsichtigen Online-Einkäufen. Reinigen Sie ihre Browser über Ihre Defender-Software. Zusätzlich aktivieren Sie am besten Passwörter oder Zwei-Faktor-Authentifizierung für wichtige Konten und überprüfen Sie regelmäßig Ihre aktiven Sitzungen: Passt alles für mich? Ist das wirklich das, was ich wollte? Ist das alles nötig oder erforderlich?
Wenn Ihnen etwas unklar oder automatisiert vorkommt, überprüfen Sie die Website mit einem Sicherheitstool oder Betrugserkennungsprogramm, bevor Sie Ihre Zahlungsdaten eingeben.
Wählen Sie schließlich – wenn es geht – einen Browser, der Sicherheit und Datenschutz priorisiert. Hersteller von Defer-Software bieten solche «Schutz-Browser» bereits an (so zum Beispiel Avast oder Norton oder Andere).
Tipp 6: Aktivieren Sie VPN-Verbindungen und eventuell Tracking-Blocker, um Ihre IP-Adresse zumindest so weit wie möglich zu verbergen. So kann man Sie nicht gut zurückverfolgen. Es wird deswegen selten echte Probleme geben.
Welche Konsequenzen ziehen wir?
Fazit: Es muss als tragisch bezeichnet werden, dass gerade mächtige Staaten und die grossen Konzerne es zulassen oder gar noch fördern, dass aus dem „coolen Werkzeug“ der «künstlichen Intelligenz» immer mehr eine Fake-Maschine gemacht wird. Jüngste Beispiele, die verdienstvoller Weise der SRF Ende Januar gelistet hat, verdeutlichen, was gemeint ist.
Doch selbst die sehr nützlich erscheinende SRF-Initiative greift – wie es den Anschein hat – am Ende zu kurz. Man kann fast nicht mehr glauben, was man sieht.
Doch muss jeder für sich selbst die Frage beantworten: Wie lange darf man – wenn man verantwortungsvoll sein will – benutzen, was einem da angeboten wird? Und wie lange werden die Vorteile die Nachteile und deren Kosten überwiegen?
Der IT-Berater und KI-Fachmann Siggi Stefnisson (LinkedIn: linkedin.com/in/siggia ) fasst es mit Hinblick auf das angebrochene Jahr 2026 für sich und andere so zusammen (Übersetzung aus dem Englischen):
«In diesem Jahr müssen wir alle neue Verhaltensmuster entwickeln. In diesem Jahr müssen Organisationen die Themen Identität und Authentizität neu überdenken. In diesem Jahr müssen Technologieunternehmen der Verifizierung Priorität einräumen, nicht der eigenen Bequemlichkeit. Und in diesem Jahr muss die Gesellschaft endlich akzeptieren, dass Sicherheit eine gemeinsame Verantwortung ist.»
Martin Natterer

Browser-Schutz: Das Defender-Programm erkennt und fördert sowohl Aktualität wie die „Sauberkeit“ der installierten Browser. Zudem bietet die Software einen eigenen Browser an. Bild: Martin Natterer

Ein Browser kann vor Tracking-Versuchen gezielt geschützt und in der Folge auch von „Müll“ gereinigt werden. Bild: Martin Natterer