Was können wir 2038 besser machen? Dürfen, oder müssen wir das Konzept «Olympia» mit Hinblick auf die als nachhaltige Spiele geplante Olympia-Bewerbung der Schweiz für 2038 völlig neu denken?

Wir haben das Ende der Olympischen Winterspiele Mailand Cortina und den Beginn der am 6. März in Cortina begonnen Paralympischen Spiele beobachtet und dem CEO der als Verein organisierten «Initiativgruppe» «Switzerland 2038» einige herausfordernde Fragen gestellt. Fragen, die uns gerade jetzt, in den Wochen der Vernehmlassung zu dem Konzept 2038, im Oberland beschäftigen.

Das Titelbild steht stellvertretend für alle: Das Schweizer Skialpin-Team engagierte sich für „Switzerland 2038“ bei der Winterolympiade 2026 in Italien. Bild Switzerland 2038

Winterspiele 2026: Bisherige Stimmen und hohe Erwartungen.

Einige der Stimmen, die wir zum bisherigen Verlauf der Winterspiele 2026 zusammengetragen haben, sind von hoher Zuverlässigkeit und daher überlegenswert. Darunter ist die von Simona Caminada, einer der SRF-Korrespondentinnen in Italien, und exzellente Kennerin von Land und Leuten.

Kurz vor Ende der Spiele schrieb sie, die Erwartungen der italienischen Bevölkerung an die Olympischen Spiele seien höher gewesen. Und: «Mit dezentralen Spielen wollte Italien ein Zeichen der Nachhaltigkeit setzen. Wie war die Stimmung in den einzelnen Spielorten?».

Die rund 5000 Taxifahrer von Mailand zum Beispiel, sie hatten sich mehr von Olympia erhofft, denn meist nutzten einheimische Fans wie fremde Gäste die öffentlichen Verkehrsmittel. Und so bleiben für viele lokale Geschäftsleute an den Austragungsorten das «grosse Geschäft» ein frommer Wunsch.

Zwar wurden im Vorfeld der Spiele für die Taxis in Mailand freie Fahrt eingeführt. Was bedeutet, dass es keine Stunden-Limite bei den Schichten gab. Doch die Fans nutzen hauptsächlich den ÖV.

Simona Caminada zitierte daher die Mailänder Taxifahrer: «Natürlich reden wir darüber, und für uns ist das alles ein Bluff. Das ist nicht das, was man erwarten konnte. Gestern habe ich eineinhalb Stunden beim Stadion in (Mailänder Ortsteil; die Red.) Rho gewartet. Es gab nichts zu tun», so Taxifahrer Roberto Sommaruga.

Ein wenig stärker schien man den Olympischen Geist knapp vier Fahrstunden von Mailand entfernt in Bormio. In der 3900-Seelen-Gemeinde fanden die Alpinrennen der Herren und das Mountaineering statt. Im Februar ist in Bormio Hochsaison. Doch an Tagen ohne Rennen war es es dort ruhig, und teilweise brach der sonst recht lebhafte Winterumsatz gerade wegen Olympia deutlich ein. Fas ein «Eigentor» also.

In der Gastronomie scheint es an allen Austragungsorten einen kleinen Boom gegeben zu haben. Doch kamen die kaufkräftigeren Kunden eher aus dem Ausland, etwa aus der Schweiz und aus Österreich.

Speziell in Bormio, so Caminada, hätten die Gäste eigentlich Zeit genug gehabt, Geld auszugeben: Die Pisten im Skigebiet von Bormio waren nämlich aus Sicherheitsgründen während der Olympischen Spiele komplett gesperrt. Des einen Freud, des andern – eher stummes – Leid.

Ob diese Aussagen charakteristisch sind, vor allem, ob die daraus erkennbaren Tendenzen für die Bewerbung der Schweiz für «Olympia 2038» wegweisend sein können, das ist sicher noch zu früh zu klären.

Doch geben solche vor Ort gewonnen Erkenntnisse vielleicht einige zusätzliche «Messgrössen» ab, mit denen die Schweiz die eigene Bewerbung besonders im Hinblick auf die dezentralen Spiele 2038 überprüfen kann.

Vorsicht vor allzu «rigider Organisation» – das ist letztlich «Unolympisch»

Vor allzu rigider Organisation, vor allem der Siegerehrungen in den «hauptsächlichen Nebenorten» wie Bormio oder Cortina haben sich viele – auch Schweizer Athletinnen und Athleten – hinter nur halbwegs «vorgehaltener Hand» beschwert. Nicht nur das «Olympia-Gefühl» fehle dabei, sondern «witzigerweise» überwiege eine martialisch-durchgreifende Organisation der Italiener. Besonders der erfolgreiche deutsche Skifahrer Linus Strasser hat sich recht deutlich in dieser Hinsicht geäussert. Aber auch einige der Schweizer Ski-Asse, bis hin zu den «grossen Olympiasiegern».

Sie kennen, könnte man mit ausreichender Landeskenntnis einwenden, diese Seite Italiens eben nicht, sondern meinen dort sei alles «Pasta, Vino, Musica und Amore». Was man in Italien ja durchaus finden kann, aber gerade dort gilt: «Jede Medaille hat zwei Seiten». Im italienischen Original: «Ci sono sempre due facce della medaglia».

Olympische Winterspiele beendet – Paralympics begonnen

Die Schlussfeier der Winterspiele 2026 ist mit recht viel Glanz und Gloria vorbeigegangen. Die Paralympics haben, mit nur einer kleinen Schweizer Beteiligung und politischen Spannungen, begonnen.

Sportlich gehen damit die 26. Olympischen Winterspiele als die erfolgreichsten für die Schweiz in die Geschichte ein. 23 Medaillen holten die Schweizer Athletinnen und Athleten, und gerade das Berner Oberland war «gut dabei». Als vermutlich letzter feierte der Skicrosser Alex Fiva an seinem Heimatort Einigen seine hervorragende Bronzemedaille, idyllisch und ausgelassen, direkt am See.

Es wäre aber eine der wichtigsten Erkenntnisse, dass die in diesen Wochen spürbare Begeisterung für Olympia vor sehr stark mit dem hohen Erfolg der Schweizer Olympioniken verbunden ist: Es sind in diesen Monaten vor allem die Sportlerinnen und Sportler, auf die sich die Begeisterung in der Schweiz fokussiert.

Inzwischen hat zum Beispiel Robin Cuche an den Paralympics einen ganzen Medaillensatz gewonnen. hier im Gespräch mit Janine Geigele, der multilingualen Moderatorin.

Fiel also die Schweizer Leistung insgesamt zurück, oder fielen auch nur einzelne Leistungsgruppen für eine ganze Sportler-Generation aus, so könnte man bei weitem nicht mit dem Olympia-Boom rechnen, den wir in den letzten Wochen landesweit erlebt haben. Das benachbarte Deutschland, das im Medaillenspiegel nur wenig vor der Schweiz lag, hat genau dies an diesen Winterspielen erfahren: eine grosse Zahl von Medaillen kam vor allem von den deutschen Bob-Fahrern, die wieder einmal drückend überlegen waren.

Neue Erkenntnisse für 2038?

Was also kann die Schweiz besser machen? Was könnte sie vielleicht zu einer verjüngten olympischen Idee beitragen? Und dann wäre noch die «Kandersteg – Engelberg“ – Frage, die gerade jetzt, in der Phase der Vernehmlassung, von grosser Bedeutung sein kann.

Beide Fragen konnten wir dem CEO von «Switzerland 2038», Frédéric Favre, stellen, und wir erhielten wohlüberlegte und gleichzeitig ambitionierte Antworten.

Frage 1: Das Konzept der Schweiz für 2038 ist noch wesentlich dezentraler als das jetzige in Italien. Eröffnungs- und Schlussfeier ist bei weitem nicht «alles»: Wie habt ihr von Switzerland 2038 vor sicherzustellen, dass das «Olympia-Gefühl» auch dezentral auftaucht? Ein «Beschwören» der Leute alleine wird nicht helfen.

Frédéric Favre:

«Unser Konzept für Switzerland 2038 basiert auf einer klaren Idee: Olympische Spiele nachhaltiger zu gestalten und noch stärker in der Schweizer Sportkultur zu verankern. Zwar sieht unser Konzept mehr Austragungsorte vor als jenes von Mailand–Cortina, doch ist wichtig zu betonen, dass diese Standorte geografisch in etwa vergleichbaren Distanzen liegen – und oft sogar näher beieinander. Vor allem aber sind sie dank eines dichten und äußerst leistungsfähigen öffentlichen Verkehrsnetzes deutlich schneller erreichbar. Dadurch entsteht ein echtes olympisches Kontinuitätsgefühl im ganzen Land.

Wir arbeiten mit zehn Kantonen und vierzehn Städten zusammen, die alle über eine lange Tradition in der Durchführung großer Sportveranstaltungen verfügen. Ihr Engagement, ihre Expertise und die Begeisterung der Bevölkerung sind die besten Garantien für ein authentisches «Olympia‑Gefühl» in allen Austragungsregionen. Unser Projekt zielt genau darauf ab, gemeinsame Emotionen, die Nähe zum Publikum und das Gefühl nationaler Verbundenheit wieder stärker in den Mittelpunkt der Spiele zu rücken.

Es ist zudem wichtig zu erwähnen, dass Mailand–Cortina das erste Beispiel wirklich dezentraler Spiele ist – und weitere werden folgen, etwa in den französischen Alpen. Wir werden diese Erfahrungen genau beobachten, daraus lernen und unser Konzept kontinuierlich weiterentwickeln.

Heute möchten alle die Spiele anders organisieren, aber gleichzeitig das exakt gleiche Ergebnis wie früher erzielen. Das ist nicht realistisch. Wenn wir nachhaltigere Spiele wollen, müssen wir akzeptieren, dass das Endprodukt anders aussehen wird. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie optimieren wir dieses neue Modell, damit es weiterhin voll und ganz olympisch bleibt und zugleich verantwortungsvoller und zeitgemäßer wird?

Genau das verfolgen wir mit Switzerland 2038: Spiele, die sich an die Kultur, die Infrastruktur und die Identität des Gastgeberlandes anpassen – und nicht umgekehrt – und die Athletinnen, Athleten und dem Publikum ein lebendiges, stimmiges und leicht zugängliches olympisches Erlebnis bieten.»

Frage 2: Noch zu dem Konflikt Engelberg – Kandersteg: Einige Politiker im Berner Oberland behaupten, in Engelberg gäbe es keine verwendbare Schanze. Man müsse also neu bauen, und das sei doch gar nicht vorgesehen. Wir fragen ganz explizit: Taugen die Einrichtungen in Engelberg schon jetzt für einen Event in der Grössenordnung von Olympia?

Frédéric Favre:

«Die Behörden von Engelberg denken – unabhängig vom Projekt «Switzerland 2038» – gemeinsam mit Swiss Ski intensiv über die langfristige Entwicklung der Destination nach. In diesen Gesprächen wurde uns bestätigt, dass Engelberg sämtliche Voraussetzungen erfüllt, um als olympischer Austragungsort in Betracht zu kommen.

Für die Skisprungwettbewerbe sieht unser aktuelles Konzept vor, die bestehende Infrastruktur gezielt zu ergänzen. Die vorhandene Grossschanze ist vollumfänglich nutzbar; sie wird jährlich für Weltcup-Wettkämpfe eingesetzt und entspricht damit höchsten internationalen Standards. Zusätzlich planen wir die temporäre Integration einer zweiten, kleineren Sprungschanze, der sich nahtlos in die bestehende Anlage einfügen lässt.

Damit könnte Engelberg die Anforderungen für olympische Skisprungwettbewerbe erfüllen, ohne dauerhafte Eingriffe in die Landschaft vorzunehmen».

Es bleibt hinzuzufügen, dass das in der Schweizer Bewerbung für 2038 vorgesehen «Nationalgefühl» vermutlich am besten mit der SRG als einheitlicher medialer Klammer und ihrer «eingebauten Mehrsprachigkeit» durchzuführen sein wird. Schon heute stammen zwar 73 Prozent der Medienabgabe an die SRG aus der Deutschschweiz, doch SRF (das deutschsprachige Programm) erhält laut einer Veröffentlichung der SRG auf LinkedIn nur 44 Prozent der Einnahmen. Der Rest stärkt die italienische, französische und rätoromanische Schweiz. Ein System also, das die Schweiz wie eine Klammer verbindet und den medialen «service public» auch für Olympia 2038 möglich machen wird.

Dies ist unabhängig vom Ausgang der am 8. März abgelehnten Volksinitiative in Sachen SRG («Halbierungsintiative») gesagt, denn auch nach der Ablehnung einer starken Reduktion der Gebühren bleibt die bereits beschlossene Reduktion des SRG-Budgets um rund 30% bis zum Jahr 2030. Medial wird es deshalb noch mehr Anstrengungen brauchen, um vor allem eine internationale Berichterstattung aus allen Austragungsorten möglich zu machen.

Denn noch hat niemand davon geredet, dass die internationale Kommunikationssprache Englisch ist, und in dieser Sprache hat die Schweiz bis heute kein einziges Printmedium, von elektronischen Medien ganz zu schweigen. Lediglich die Bundesverwaltung betriebt – und das nur auszugsweise – einen englischsprachigen Mediendienst.  – Das Thema wird uns auf jeden Fall noch lange beschäftigen, und es bleibt noch viel zu tun.

Bronzemedaillengewinner Alex Fiva bei seiner Willkommensfeier in im Spiezer Ortsteil Einigen.

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