Noch «gibt es sie», die Sommerzeit, die wir in der Schweiz seit 1981 immer am letzten Sonntag im März beginnen lassen, dieses Jahr also am 29. März. Als Sommerzeit wird eine meist um eine Stunde vorgestellte Uhrzeit bezeichnet, die während eines bestimmten Zeitraums im Sommerhalbjahr als gesetzliche Zeit dient. Die Schweiz wäre wohl bereit, sie abzuschaffen. Nun wartet «man» aber auf die EU – und die kann sich nicht entscheiden.
Wechselvolle Geschichte: Die künstliche Zeit
Sie hat eine wechselvolle Geschichte, denn die Sommerzeit war immer schon angefochten. Während in Amerika schon Ende des 18. Jahrhunderts erste Ideen zu einer Sommerzeit auftauchten, sich jedoch nie durchsetzte, wurde in Europa eine nationale Umstellung auf Sommerzeit erstmals am 30. April 1916 im Deutschen Kaiserreich sowie in Österreich-Ungarn angeordnet.
Für Jahrzehnte, und vor allem zwischen und während den beiden Kriegen, gab es in Europa eine uneinheitliche Auffassung zum Thema «Sommerzeit». 1979 verkündete dann in Nachkriegs-Deutschland die DDR überraschend die Einführung einer Sommerzeit für das folgende Jahr. Per Verordnung galt sie ab 1980 in beiden deutschen Staaten. Viele Nachbarländer, die sich bislang abwartend verhalten hatten, zogen nun nach. Als letztes Land in der Mitte Europas schloss sich die Schweiz 1981 der Sommerzeit an.
Genauigkeit in Perfektion: Die Schweizer Zeit
Die Schweiz wäre nun aber bereits seit spätestens 2020 auch bereit, sie wieder abzuschaffen, doch man wartet nun auf die EU, damit keine zeitliche «Insel- Lösung» entsteht, wie der Bund schon vor gut sechs Jahren verlauten liess. Aber dabei geht es auch um die Abstimmung der weltweit verwendeten zeitlichen Normen, und das hat wichtige technische Gründe:
In der Schweiz ist nämlich das Eidgenössische Institut für Metrologie METAS dafür zuständig, die offizielle Schweizer Zeit zu realisieren und zu verbreiten, eine «Zeit», die wir weltweit mit anderen Zeit-Zentren koordiniert.
Dazu unterhält das METAS mehrere Atomuhren und beteiligt sich damit an der Realisierung der koordinierten Weltzeit (Universal Time Coordinated, UTC).
Dies funktioniert so, dass aus den Daten von rund 350 Atomuhren aus über 60 Referenzlaboratorien für Zeitmessung der ganzen Welt das «Internationale Büro für Mass und Gewicht» (BIPM) in Paris die koordinierte Weltzeit koordiniert. Das ist dann die weltweite Referenzzeit, die für alle Zeitzonen des Globus den Takt angibt. Für die Feinjustierung der Weltzeit spielen speziell genaue Atomuhren, sogenannte Primärfrequenznormale, eine besondere Rolle. Rund ein Dutzend solcher Primärfrequenznormale auf der ganzen Welt tragen regelmässig zur Genauigkeit der Weltzeit bei.
Der Schweizer Beitrag: Eine dieser speziellen Atomuhren befindet sich im METAS: die «Fontaine Continue Suisse» (FoCS). Sie läuft so genau, dass es 30 Millionen Jahre dauern würde, bevor zwei gleichartige Uhren eine Sekunde Unterschied aufweisen würden. Das ist geradezu ein Sinnbild Schweizer Perfektion.
Die Verbreitung von Zeitskalen mit hoher Genauigkeit spielt jedoch in vielen Bereichen eine immer wichtigere Rolle, z. B. beim Börsenhandel, für die Umsetzung vieler neuer Technologien wie dem Internet der Dinge («IoT») oder bei der Synchronisation von verteilten Systemen. Die «künstliche Zeit» ist also eine ganz wichtige Stellgrösse unserer Zivilisation, mit einem erheblichen Schweizer Beitrag.
Die mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) beginnt aber, ganz banal, jeweils am letzten Sonntag im März um 2:00 Uhr MEZ, indem die Stundenzählung um eine Stunde von 2:00 Uhr auf 3:00 Uhr vorgestellt wird, und endet jeweils am letzten Sonntag im Oktober um 3:00 Uhr MESZ, indem die Stundenzählung um eine Stunde von 3:00 Uhr auf 2:00 Uhr zurückgestellt wird.
Die von Menschen «eingestellte» Zeit, also die Sommerzeit, ist in gewisser Weise eine künstliche Zeit, die von der «natürlichen» Zeit insofern abweicht, als sie zur Festlegung des uns bestimmenden Tag-Nacht-Rhythmus – wie beschrieben – «nicht direkt» die Sonnenstände verwendet. Genau genommen, tut sie das gar nicht.
Wie es «Zeit» wirklich gibt: Die natürliche Zeit
Die «natürliche Zeit» aber wird durch die Gestirne und das Licht bestimmt, mit dem wir auf der Erde leben können. Ohne Licht, kein Leben. Und ohne Tag und Nacht keine «Tageszeit».
Doch das alles wird von den Gestirnen bestimmt. Von alters her hat man die «Himmelslichter» als gottgegeben erachtet, auch weil man sie nicht ändern konnte: «Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre», steht schon in der Schöpfungsgeschichte.
Als «natürliches» Zeitsystem für den alltäglichen Gebrauch diente damit von alters her die örtliche Sonnenzeit, die durch den «Stundenwinkel» der Sonne definiert ist. Damit wäre es am Mittag (Zeitpunkt des höchsten Sonnenstandes) 12:00 Uhr und um Mitternacht 24:00 Uhr. Das funktioniert wunderbar, wenn man nicht nach Westen oder Osten reist und dann «irgendwann» einen Längengrad überschreitet. Geologisch gesagt, beträgt nämlich der Abstand der «natürlichen Zeit» zwischen zwei Längengraden der Erde immer 4 Minuten der «Sonnenzeit»: Die Sonne erreicht an einem anderen Ort auf dem Breitengrad zu einer anderen Zeit ihren Zenit.
Am Äquator, wo die Erde «am dicksten» ist, braucht man am längsten, wenn man solch einen Unterschied spüren will. Weil die Erde eine Kugel ist, muss man dort 111.319 km gehen, um einen Zeitunterschied von 4 Minuten wahrnehmen zu können, also um die Distanz zwischen zwei Längengrade zu durchschreiten. Das ist selbst bei langen Wanderungen für Menschen kaum wahrnehmbar und daher in der Zeitwahrnehmung bedeutungslos.
Ein wenig weiter nördlich, etwa in Nordafrika, sind es schon 10 km weniger. Reist man also zum Beispiel in der Sahara mit einem Kamel nach Westen, etwa von Kairo nach Marokko, dann wird man vermutlich schon zwei bis drei Tag unterwegs sein müssen, um überhaupt etwas von dieser «veränderten Naturzeit» zu spüren.
Ganz weit im Norden, etwa am Polarkreis, müsste man nur noch 44 km – etwa durch die finnische Tundra – gehen, um 4 Minuten Differenz wahrnehmen zu können.
Die Zeitzonen und die natürliche Wahrnehmung
Nun ist die Erde in «Zeitzonen» mit jeweils einer Stunde Differenz eingeteilt. Auf der «internationalen Meridiankonferenz» von 1884, wurde das – ausgehend vom Greenwicher Nullmeridian – ein globales System von 24 Zeitzonen festgelegt. Die kleinen Zeitabstände innerhalb der Zeitzonen wurden vernachlässigt, sind aber mit schnellen Verkehrsmitteln, etwa mit dem Flugzeug ganz leicht zu beobachten. Ein Flug «mit der Sonne» etwa, der direkt von Ost nach West führt, kann einem schon mal einen dreistündigen Sonnenaufgang «bescheren». Das ist unvergesslich.
Wichtig ist, dass schon 1884 jeder Zeitzone eine «Zonenzeit» zugeordnet wurde. Und in dieser Zonenzeit befindet sich auch unsere «Sommerzeit» als eine über weite Teile Mitteleuropas gestreute Zeitzone. Das hat auch zur Folge, dass im polnischen Danzig Sommer wie Winter die Sonne wesentlich früher aufgeht als im nordspanischen Santiago di Compostella, das sehr weit im Westen liegt. Für die zu Fuss gehenden Pilger auf dem Jakobsweg ist dies aber restlos egal.

Astronomische Uhr am Zytglogge-Turm in Bern.
Die Zeit, die wir wahrnehmen, und die unser Leben bestimmt, die «gibt es» irgendwie «schon immer». Sie gehört zu der Natur, in der wir leben. Wir nehmen seit Urzeiten wahr, was ist, und wir arrangieren uns damit. Man könnte dabei auch das Wortspiel verwenden, dass sich die natürliche Wahrnehmung erst seit den «Uhr-Zeiten», also mit der modernen Zeitmessung, wesentlich geändert hat.
Das wurde noch deutlicher, als die Sommerzeit kam. Denn gerade die «Sommerzeit» ist etwas institutionell Bestimmtes, etwas lange Zeit politisch Gewolltes, aber auch etwas Künstliches. Das gilt, ob man nun für oder gegen die Sommerzeit ist, sie ist künstlich – aber bislang scheint sie «machbar», wir können mit ihr umgehen.
«Seit wann gibt es Zeit»? – Die physikalische Zeit
Die moderne Physik hat etwa seit 130 Jahren, und nach den wegweisenden Arbeiten von Albert Einstein, aber nicht nur die natürliche Zeit ins Visier genommen. Sondern sie stellt heute explizit (aber in sehr komplizierter Weise) die Frage: «Seit wann gibt es Zeit»?
In der modernen Physik ist die Zeit zunächst einmal eine der Naturkonstanten. Daraus haben sich einigen Formeln ergeben, die auch jeder Ingenieur und jede Technikerin kenn und anwenden können muss, etwa die Bremsbeschleunigung bei einem Aufprall. Oder schlicht und einfach die Geschwindigkeit, gemessen in Kilometer pro Stunde.
Seit Albert Einstein und einigen anderen Physikern am Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich aber die physikalischen Theorien rund um die Entstehung von Zeit und Raum grundlegend verändert. Was zunächst als Spekulation und mathematisches Gedankenspiel begann, hat sich dann aber in x-tausenden von Beobachtungen erhärtet.
So fasst man heute das Universum als «vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum» auf, das nach einem angenommenen «Urknall» seit rund 13.6 Milliarden Jahren laufend ausdehnt. Man meint aufgrund astronomischer Beobachtungen davon ausgehen zu können, dass man in der so genannten «Hintergrundstrahlung» des Universums noch heute Zustände wahrnehmen und messen kann, die über 13 Milliarden alt sein könnten. Dahinter stehen durchaus exakte Messungen und Berechnungen und die naturwissenschaftliche Physik baut auf solche Gedankengebäude auf. Wobei es aber gerade im Hinblick auf die Zeit mitunter kontroverse Meinungen gibt.
Was der Urknall, in dem auch unsere «erlebte» Zeit» entstanden sein soll, aber genau war, kann niemand sagen. Das liegt auch daran, dass – das ist einfach – niemand dabei war. Aber es liegt vor allem daran, dass die schiere Dimension der damit verbundenen Annahmen alles sprengt, was wir uns vorstellen können. Und dann ist, gerade wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, die Frage erlaubt: Ist das «noch real?».
Die heutige Physik berechnet aufgrund hoch-komplizierter mathematischer Annahmen eine Art «Entstehungszeit der Zeit» im Bereich von Bruchteilen einer Millisekunde «nach dem Urknall». Danach hätten sich alle physikalischen Grundgrössen, eben auch die Zeit, in einem Mikro-Zeitraum gebildet.
Folgt man diesem Gedanken, gibt es «seither» Zeit und Raum, und es gibt alle physikalischen Gesetze erst «seitdem». Und alles dehnt sich mit ungeheurer Dynamik aus, das ist messbar. Und «irgendwann» gibt es uns dann. – Unserer normalen Sprache gehen dabei schon die Worte aus. Es sind im Grunde unfassbare Vorgänge.
Was war vor der Zeit?
Das ist eine interessante Frage. Denn weder in der Menschheitsgeschichte noch in der Physik gibt es darauf eine Antwort. Die Frage selbst setzt die Existenz der Zeit voraus. Und damit sind wir wieder am Anfang: In welcher Weise «gibt es» denn die Zeit?
Und, wenn wir für einen Moment «denken, wie die Kinder» könnten wir sogar die Frage stellen: Werden wir die Zeit – naiv gefragt – irgendwann wieder los? Das ist nicht die Frage, ob es ein «Leben nach dem Tod gibt», denn nach unserem persönlichen Tod gibt es höchstwahrscheinlich noch viel Leben in der Welt. Und viel Zeit zu leben, eben für andere.
Die Frage ist, was das Wort «Ewigkeit» bedeutet, wenn es dort «keine Zeit» mehr gibt. Oder gäbe es «dort» dann eine «andere Zeit»? Und bei solchen weitreichenden Gedanken, da kommt die in wenigen Tagen beginnende Karwoche «gerade recht», also zur rechten Zeit. Denn «alles hat seine Zeit». Auch wenn uns die Sommerzeit manchmal nicht nur freut, sondern manchmal auch einfach nur «ärgert».

Die Sonne bescheint diese Uhr in eine Lausanner Stadtteil kurz nach dem Mittag bereits leicht von Westen. Bild: Martin Natterer