In einem ersten Artikel haben wir anhand von Beispielen und Werkzeugen der traditionellen Ahnenforschung die notwendigen Voraussetzungen dieses spannenden Interessengebietes vorgestellt (http://www.nattworks.ch/2026/01/19/ahnen-und-forschen/) . In den letzten Jahren hat sich nun eine digital begründete Disziplin der Ahnenforschung entwickelt, deren grundsätzliche Elemente wir hier vorstellen. Wir haben das «Ahnenforschung 2.0» genannt.

Geisteswissenschaften «digital» – geht das?

Die forschende Arbeit in Geschichte, Politik und in der Rechtswissenschaft benützt schon seit Jahren digitale Hilfsmittel und baut auf deren Ergebnisse auch die einschlägigen Datenbanken, Websites und sonstige Quellen-Archive auf. So ist ein ganzer Zweig der Geisteswissenschaften entstanden, der sich «Digitale Geisteswissenschaften» (im englischen Original «Digital Humanities») nennt. 

Neu ist, dass Instrumente der Künstlichen Intelligenz (KI) diese mittlerweile bereits etablierten Methoden ergänzen, ja in manchen Fällen schon fundamental verändern. Neu ist auch, dass einige dieser KI-Instrumente nun auch für interessierte Privatleute und Betriebe verfügbar sind.

Wir geben, erneut in Zusammenarbeit mit dem Präsidenten der Wimmiser Kommission für Dorfgeschichte, Rudolf Schneiter, den wir dazu befragen konnten, einen Überblick über neue Anwendungsfelder der Ahnenforschung (Genealogie). Rudolf Schneiters Familie kommt aus dem Kandertal.

«Digitale Hilfsmittel für Ahnenforschung»: Was ist das? Wie geht das??

KI ist bei weitem nicht das einzige digitale Hilfsmittel in der Ahnenforschung, in der Fachsprache «Genealogie» genannt. Die Genealogie zählt seit dem 19. Jahrhundert klassischerweise zu den historischen Hilfswissenschaften, die man in recht umfangreicher Weise erlernen muss, wenn man sich professionell mit Geschichte befasst, etwa im Rahmen eines Universitätsstudiums. Auch für Notare und Gerichte hat sie, etwa in Testamentsfragen, eine mitunter erhebliche Bedeutung.

In Studiengängen für «Digital Humanities» kann man zum Beispiel in Basel oder in Zürich im Rahmen eines Masterstudienganges (aber zum Beispiel auch in München) vertiefend studieren. «Die Digitalisierung», so die Universität Basel dazu auf deren Website, «verändert, ja revolutioniert praktisch alle Teile unserer Gesellschaft – auch die Wissenschaften…  Diese neuen Wege der Forschung lehrt das Studienfach Digital Humanities der Universität Basel».

Die modernen Historiker lernen dabei Dinge wie Datenmodellierung von Texten und Objekten, Das Editieren von Dokumenten, den Aufbau und die Strukturierung von Datenbanken, Informationssystemen und Infrastrukturen und das Programmieren und Abfragen grosser Datenmengen. Abnehmer dieser Leistungen sind vor allem stattliche und private Archive, Bibliotheken und Museen.

Laien ist diese Welt nicht immer einfach zugänglich. Doch können gerade hier KI-Chatbots von Nutzen sein, da sie durch ihre «besondere DNA», das heisst, die Art ihres Funktionierens die Schwelle zu den IT-Systemen und professionellen Datenbanken überwinden können. – Hierzu geben wir für Interessierte einen Überblick.

Die «Einsteiger-Modelle»: KI-Chatbots

Geeignete KI-Chatbots, das ist nicht nur ChatGPT (von OpenAI), «Copilot» (von Microsoft) oder Gemini (von Google), das sind in unserem Kontext auch spezialisiertere Instrumente wie Perplexity AI (kann auch wissenschaftlich zitieren) oder Poe (Plattform für verschiedene KI-Modelle)

Wofür sind diese geeignet? Grundsätzlich sind sie immer gut bei maschinenlesbaren Texten (Computer, Schreibmaschine, Druck). Sie sind immer hilfreich für Texte in anderen Sprachen, z.B. Latein oder Französisch, hier ist jedoch ergänzend der DeepL «Translator» erfahrungsgemäss eine ergänzende, gut funktionierende Variante (https://www.deepl.com/de/translator ).

Die Vorteile liegen auf der Hand: Solche Chatbots sind gute Ergänzungen, wenn man selbst schon Teile von historischen Texten lesen kann. Und sie können Erklärungen oder historische Bedeutungen liefern. Aber Vorsicht: Eine Rückfrage bei Fach-Historikern ist immer von Vorteil. Bisweilen «halluzinieren» Chatbots einfach «mal so».

Sogar bei älteren Handschriften können solche Chatbots aber einzelne Wörter oder Textstellen ergänzen, oder sie helfen mit Vorschlägen: Sie suchen sehr leicht nach Mustern und vergleichen ähnliche Wortkombinationen.

Was sie (noch) nicht können sind aber komplette, fehlerfreie Transkriptionen von Handschriften. Hier werden die Nachteile offensichtlich: Handschriften werden oft falsch erkannt oder Quellen werden nicht sicher wiedergegeben.

Ein Praxis-Tipp zudem: Immer Bilder hochladen (JPG/PNG/Screenshots), nicht PDFs. Bilder werden einfacher erkannt. Auch hilft es, eigene Rohtranskriptionen zu ergänzen, dann kann die KI den Rest oft besser deuten.

Chatbots, weiss Rudolf Schneiter, haben «noch viel Luft nach oben, beim Lesen alter Schriften. Die Trefferquote ist je nach Schrift ziemlich tief.»

«Für Liebhaber»: Transkriptionsplattformen mit automatisierter Texterkennung

Es gibt auch bereits Laien zugänglich Programme für automatisierte Texterkennung, die nur teilweise mit KI zu tun haben, zum Beispiel «Transkribus»: Transkribus ist eine Plattform zur Texterkennung, Layout-Analyse und Strukturerkennung von historischen Dokumenten und eignet sich sowohl für Drucke als auch für Handschriften.

Oder eScriptorium: Das ist eine Plattform zur manuellen oder automatisierten Segmentierung und Texterkennung von historischen Handschriften und Drucken. Die Software ist Open Source und kann somit frei auch auf eigenen Rechnern installiert werden. Sie wird laufend an der Université PSL in Paris weiterentwickelt,

Wofür sind diese Modelle geeignet? Zum Beispiel um Rohübersetzungen alter Handschriften zu erhalten.  Aber auch sie liefern auf Anhieb keine fehlerfreie Transkription. Die Ergebnisse müssen nachbearbeitet werden. Hinweis: von eScriptorium gibt es eine kostenlose Basisversion.

«Für angehende Spezialisten»: Genealogie-spezifische Programme und Gesellschaften

Für angehende Spezialisten oder absolute Liebhaber gibt es dann als nächst Stufe in der Genealogie Werkzeuge wie «Ancestry Image Transcript», das sich speziell für genealogische Dokumente wie Kirchenbücher, Urkunden oder Briefe eignet. «Ancestry» als Plattform kann praktisch sein, denn man hat alles auf einer Plattform und die Ergebnisse sind zugeschnitten auf genealogische Quellen.

Die Auswahl für weitere Hilfsmittel und Nachschlagewerke ist aber, so Spezialist Ruedi Schneiter, «unendlich». Sie reichen von Lernplattformen zur Entzifferung alter Handschriften, über Online-Lexika zur Auflösung lateinischer Abkürzungen bis hin zum unter Historikern fast legendären «Grotefend online» zur Berechnung von Zeiten und Kalendertagen.

Die «Schweizer Gesellschaft für Geschichte» hilft aber immer wieder gerne weiter in solchen Fragen. Auch können sich dort Gemeinden oder Firmen beraten oder helfen lassen bei der Erstellung von Firmenarchiven oder bei der Erstellung einer Orts- oder Firmenchronik. Man muss sich dabei aber darauf gefasst machen, dass solche Spezialkenntnisse nicht für «wenig Geld» zu haben sind.

Viel näher liegt jedoch die «Genealogisch-Heraldische Gesellschaft Bern» (GHGB). Sie bezweckt die Förderung von Familienforschung und Wappenkunde und veranstaltet regelmässig Vorträge, Exkursionen sowie Kurse und publiziert jährlich zweimal ein Mitteilungsblatt. In dem nur Mitgliedern offenen Archiv finden sich auch Transkriptionen und bedeutende Oberländer Dokumente aus historischer Zeit.

Vorträge, oder eher «Workshops», wie er betont, zu dem Thema selbst zu halten, die hilfreich für Laien sind, so betont Rudolf Schneiter, könnte er sich «schon mal» vorstellen zu halten. Auf Anfrage und nach geeigneten Vorgesprächen.

Muster eines Schriftbilds aus dem «Landtrecht von Frutingen» von 1668. Bild: Genealogisch-Heraldische Gesellschaft Bern.

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