Der Autor hat mit dem Präsidenten der Wimmiser Kommission für Dorfgeschichte, Rudolf Schneiter, ein längeres Hintergrundgespräch geführt. Dies, nachdem er schon mehrfach Workshops zum Thema Ahnenforschung (Genealogie) gehalten hatte. Es ging in dem Hintergrundgespräch um die Erschliessung des reichen Erfahrungsschatzes des Ortshistorikers in dem Fachgebiet der Ahnenforschung. Kurz gesagt, geht es um die Frage: «Wer kommt woher, und auf welche Weise?»
Ahnung von den Ahnen haben: Wie geht das?
«Davon hast Du doch keine Ahnung!», den Satz hört man öfter, wenn zwei sich streiten, oder ein Elternteil einem pubertierenden Kind eine Lektion erteilen will – ohne «Ross und Reiter» zu nennen. Ahnung und Ahnen, was hat das mit den Ahnen zu tun? «Ahnen» bedeutet nicht nur «Vorfahren», sondern ist auch ein Verb, das nahe an der Bedeutung des Wortes «Intuition» liegt. Es ist eine Art «Nach-Fühlen», ohne die Eindrücke wirklich objektiv beweisen zu können.
Grosseltern hat man meist noch persönlich gekannt. Oder anders: Der «Ätti» und «das Grosi» sind die, teils noch lebenden, direkten Vorfahren, die man oft noch kannte. Wer aber die Ahnen kennt, der hat eine Ahnung, ein eigenartiges Gespür, von Geschichte und Vorgeschichte einer Familie und deren Kultur.
Von «Ahnen» hat man in der Regel nur vages Wissen, eben eine «Ahnung». Eben dieses Vor-Wissen kann man durch «Ahnenforschung» (Genealogie) festigen oder vertiefen.
Eine hilfreiche Einführung: «Den Vorfahren auf der Spur»
Zuletzt am 18. Oktober 2025 hatte der Präsident der Wimmiser Kommission für Dorfgeschichte, Rudolf Schneiter, in Erlenbach einen einleitenden Workshop gehalten: Wie man Ahnenforschung betreiben kann, mit dem Titel «Den Vorfahren auf der Spur».
Ortshistoriker Schneiter geht dabei von einigen «Hauptproblemen» aus, deren grundsätzliche Lösung es auch Laien ermöglicht schlicht und einfach weiterzukommen auf der Suche nach den eigenen Ahnen.
Hauptproblem Zeit
Ahnenforschung ist aus mehreren Gründen sehr zeitaufwendig. Schon alleine Suchen von Unterlagen, Lesen von Briefen und Büchern, vor allem aber das Studieren des geschichtlichen und familiären Umfeldes braucht Zeit.
Aber noch aus einem inneren Grund hat Ahnenforschung mit Zeit zu tun: «Familienforschung ist nie zu Ende, eine Familiengeschichte wird mit jedem neuen Tag weitergeschrieben» sagt Rudolf Schneiter. Und ein weiteres: «Achtung Suchtpotenzial!» ruft Schneiter seinen eigenen Sätzen hinterher. Wenn «der Blitz einschlägt», kann man süchtig werden.
Hauptproblem Datenschutz
Das zweite Hauptproblem könnte darin bestehen, dass der in der Schweiz recht strenge Datenschutz dem Recherchieren Beschränkungen auferlegt. Dafür gibt es jedoch Anhaltspunkte. So ist es zum Beispiel erlaubt, einige Daten jederzeit einzusehen, für manche andere ist gar eine Bewilligung nötig.
So sind lediglich Daten vor 1875 aus den Kirchenbüchern des Kanton Bern frei zugänglich, für Personenstandsdaten aus Berner Zivilstandsregistern ab diesem Jahr Bewilligung nötig. Weiter sind Daten von lebenden Personen datenschutztechnisch besonders heikel. Die betrifft Geburtsdaten nach 1923, Ehe-Daten nach 1943 und Todesdaten nach 2003. Für all braucht es entweder ausdrückliche Zustimmungen der Betroffenen oder amtliche Bewilligungen.
Hauptproblem alte Schrift
Schwierigkeiten ergeben sich beim Versuch, alte Schriften zu lesen. Rudolf Schneiter gibt dafür aber Tipps:
Eventuell nicht lesbare Buchstaben können mit einem möglichst ähnlichen Alphabet (Muster-Alphabet) verglichen werden. Auch die Zahl der Buchstaben sollte verglichen werden. Auch ein Ausschlussverfahren kann weiterhelfen: Man überlegt dabei, um welche Buchstaben es sich garantiert nicht handeln kann.
Ebenso hilft Vergleichen: Man sollte dabei nachschauen, ob gleiche Formen oder Buchstaben weiter oben – allenfalls weiter unten – schon vorgekommen sind. Der Vorteil dabei ist, dass man dabei einen Schriftteil mit einem anderen Schriftteil derselben Schrift vergleicht.
Beim «Lesen nach dem Sinn» beginnt man damit, dass man einen Absatz nochmals durchliest, um sich den Zusammenhang zu vergegenwärtigen. Dann liest man «auf Verdacht» weiter, und fragt sich dann: Was muss dort stehen? Es hilft, wenn man die Satzkonstruktion (trotz unterschiedlicher Interpunktion) berücksichtigt.
Ausserdem sind die Kirchenbücher aus bestimmen Regionen, so zum Beispiel dem Simmental, von Fachleuten der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Bern (www.ghgb.be ) bereits transkribiert.
Ein Beispiel: Der Werdegang der Simmentaler Familie Regez
Ein Beispiel kann verdeutlichen, wie die einzelnen «Werkzeuge» der Ahnenforschung zusammenhängen: Eine Erlenbacher Familie wird nach der Geburt eines Sohnes im Jahr 1672 (Werkzeug: Eintrag im Geburtsregister) historisch erstmals im Erlenbacher Ortsteil «Seewlen» greifbar, als sie dort Wohnsitz nahmen. (Baustein: Erlenbacher Taufrodel).
Die Familie Regez lebte dann drei Generationen lang in dem zur Gemeinde Erlenbach gehörenden Weiler. Ein Johann Rudolf Regez, geboren 1752, war Statthalter und Gerichtssäss, und er musste 1798 in seiner Wohnsitzgemeinde den Bürgereid leisten. (Baustein: Berner Staatsarchiv).
Der Tod einer der Söhne beim Flössen in der Simme war dann vielleicht der Grund, warum ein anderer Sohn, Johann Jakob Regez, geb. 1825, die Seewlen verliess und 1848 die Wimmiserin Magdalena Lehnherr heiratete (Baustein: Eherodel Wimmis) lebte er im Hasli in Wimmis, war Hauptmann, kaufte sich 1853 in die Burgergemeinde Wimmis ein (Baustein: Archiv der Burgergemeinde Wimmis).
Seither besteht die Zugehörigkeit zu den Wimmiser Burgern, die nicht nur darin dokumentiert ist, dass das noch aus der Erlenbacher Zeit stammende Familienwappen in einem Fenster der dortigen Kirche zu sehen ist (Baustein: Beobachtung und Befragung), sondern auch auf einer Grabstein-Beschriftung auf dem alten Wimmiser Friedhof bei der Kirche.

Das Grabkreuz von Johann Jakob Regez, auf dem alten Wimmiser Friedhof (Berner Oberland), nahe an der dortigen Kirche. Bild: Martin Natterer
Von den elf Kindern des Johann Jakob Regez, blieben aber nur zwei in der Schweiz zurück, alle übrigen wanderten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Amerika aus. Als “Käsefabrikanten“ kamen sie dort zu Wohlstand. Soweit man weiss, leben und lebten 600 Nachkommen der Familie Regez heute noch in den Vereinigten Staaten. – Soweit das Beispiel und einige wichtige Bausteine der Ahnenforschung.
Wichtige Quellen der Ahnenforschung
Zusammenfassend: Viele wichtige Quellen für die Ahnenforschung sind eher allgemeiner Art und ähneln denen, die man für die Geschichts-Erforschung generell braucht. Und nicht alle sind schriftlicher Art. Beispiele können mündliche Überlieferungen sein, etwa aus der eigenen Familie, selbstverständlich auch Kirchenbücher, Familienregister bzw. Burgerrodel, und Zivilstandsregister. Wo möglich, kann man durch Einwohnerverzeichnisse ergänzen.

Hier erkennt man den Zusammenhang verschiedener Recherche-Quellen für die Ahnenforschung. Bild: Rudolf Schneiter
Quellen ganz eigener Art sind alte Zeitungsberichte, denn manche Zeitungen haben ausgebaute und sehr gut gepflegte Archive. Eion gutes Beispiel, aber beileibe nicht das einzige ist e-newspaperarchives». Es ist nach eigenem Bekunden die Nachfolgeplattform von «Presse suisse en ligne», die 2011 von der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) und der Médiathèque Valais gegründet wurde. (Website: www.e-newspaperarchives.ch)
Vergessen werden oft auch Auswanderungsarchive. Aufwendig ist es, in eines der «Auswanderer-Museen» gehen, aber es kann äusserst lohnend sein. Denn viele Schweizer Familien sind über internationale Häfen ausgewandert. Die Deutschen Auswandererhäuser (zum Beispiel: https://dah-bremerhaven.de/; https://ballinstadt.de/ ) helfen da mit etwas Geduld sicher weiter.
Auch Hausinschriften sind zu beachten (ggfs. hilft der Denkmalschutz weiter), Kaufverträge oder Grundbucheinträge (ggfs. helfen Notare weiter).
Im strengeren historischen Sinn gehören auch andere materielle oder antiquarische Dinge zu den Geschichtsquellen: Bilder oder Stiche zum Beispiel (meist mit Jahreszahlen und Initialen versehen), Möbel oder Schmuckstücke. In jedem einzelnen Fall müssen sie aber meist interpretiert – also «gelesen» – werden, damit man aus ihnen Aussagen ableiten kann.
Weitere Problemfelder – weitere Erkenntnis-Chancen
Geschichtliche Kenntnisse, weitere Quellen und die Kenntnis alter oder fremder Sprachen können auch bei der Ahnenforschung sehr hilfreich sein. Dazu muss man nicht gleich Latein studieren, aber gute Kenntnisse der Schweizer Landessprachen oder des Englischen helfen in vielen Fällen.
Ein anspruchsvolles Beispiel – dieses Mal aus der Welt der mittelalterlichen Adligen – für solch ein «interkulturelles Vorgehen» wäre die Geschichte der Oberländer bzw. Nieder-Simmentaler Adligen-Familie von Strättligen:
Während die Schweizer Quellen immer wieder «Löcher» aufweisen (zum Teil mangels Schriftlichkeit) findet man in der Deutsch-Schweizerischen Lieder-Handschrift «Codex Manesse» vier Lieder eines der Söhne der von Strättligen aus dem 13. Jahrhundert.
Noch besser wird es, wenn man in alte englische Quellen gehen kann: Dann erfährt man nämlich, dass ein Zweig derer von Strättligen dort bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts überlebt hat, dass sie ein wichtiger Teil der englischen Gesellschaft wurden und in Wales ein Schloss besassen – dass es noch gibt und das man besichtigen kann: St. Donat’s Castle in Llantwit Major, Wales.
Auch ist man immer wieder erstaunt, dass ursprünglich Oberländer Familien es anderenorts im Laufe der Generationen, wie man sagt, «zu etwas gebracht» haben. Nicht, dass sie das in der Heimat nicht auch tun würden, aber manches ist dann doch bemerkenswert. Und das nicht nur bei den von Strättligen.
Ein Beispiel, das der Autor für wahrscheinlich hält, obwohl er es trotz Gesprächen mit amerikanischen Familienmitgliedern noch nicht lückenlos beweisen kann, ist der Musiker Noel «Paul» Stookey, einer der Gründer der Folk-Pop-Gruppe «Peter Paul and Mary». Sie wurden u.a. durch ihren Erfolgstitel «California Dreamin’» weltberühmt. Ein Indiz für die Wahrscheinlichkeit der These: Die Wimmiser und Diemtigtaler Stuckis sind noch heute sehr musikalisch.
So bleibt: Hört man auf, nur zu «ahnen» und betreibt Ahnenforschung gründlicher, so gelangt man gut und gern von der Ahnung zu einem gewissen Wissen. Und das kann, wie Rudolf Schneiter es gut ausgedrückt hat, fast süchtig machen. Spass macht es allemal.

Das englische Stammschloss der von Strättligen – in Llantwit Major, Wales (UK). Heute beherbergt es das Atlantic College. Bilder: Wikipedia und Atlantic College.
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