Die Frage ob, und vor allem wie wir in der Schweiz in den kommenden Jahrzehnten noch Skifahren können, bewegt in diesen Monaten die Gemüter. Die Diskussion wird durch den offensichtlichen Schneemangel der letzten Wochen noch befeuert. Erhebliche Saisonverkürzungen sagt nun eine Studie Schweizer Universitäten und Ski-naher Verbände bis 2050 bis. Wir sehen aber schon jetzt sehr aussagefähige Vorboten einer Entwicklung, deren Umkehrung kaum noch jemand erwartet.

Was wir wissen und kaum noch in Frage stellen

Es liegt auf der Hand, dass es allem Anschein nach immer wärmer wird. Aber die konkreten Prognosen über die Auswirkungen dieses Klimawandels sowohl auf den Sport (gemeint ist der wettkampfmässige Skisport) als auch auf die «Skination Schweiz» (als prägende Freizeitaktivität sehr vieler Schweizerinnen und Schweizer) variieren – ja nach Szenario, je nach dem Modell, das man den Zukunftserwartungen zugrunde legt.

Und zu guter Letzt wird es in der medialen Diskussion sogar «philosophisch»: In der «Sternstunde Philosophie» des SRF unterhielt sich die Moderatorin Olivia Röllin kompetent und geistreich mit Bernhard Russi und der deutschen Erfolgsautorin und Ski-Enthusiastin Antje Rávik Strubel, die einst Skilehrerin werden wollte und Ski-Langlauf als Übung des Denkens versteht.

Noch immer verbringen in der Schweiz viele Kinder während der Schulzeit mindestens eine Woche in den Bergen, rund 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung fahren regelmässig Ski. Und wenn Ausnahmetalente wie Marco Odermatt, Lara Gut oder Camille Rast die Piste runterbrettern, fiebert die Nation mit. Wurde Skifahren zum «Schweizer Kulturgut»? Und was passiert, wenn wir es uns eines (fernen?) Tages kaum noch werden leisten können?

Zumindest die öffentlich auftretenden Diskutanten sind sich einig: «Alles wird anders werden». Auch wenn wir die nächsten Jahrzehnte noch in die Berge und deren Infrastruktur investieren: Am Ende wird sich auch die alpine Welt verändern.

Ein wenig scherzhaft ging es dann in der erwähnten sehenswerten Fernsehdiskussion zu Ende: «Wir müssen nicht so weit in die Zukunft blicken», meine Bernhard Russi am Ende, «in 10 Millionen Jahren wird auch das Matterhorn nicht mehr da sein». Sinnierend und ein wenig zerstreut entgegnete daraufhin die Gastgeberin Olivia Röllin: «Das werden wir sehen». Nun, wie oft im Leben sind Voraussagen besonders dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Und 10 Millionen Jahre, sind in diesem Sinne auch für eine Philosophin nicht «überblickbar».

Aber im Ernst: Die Situation auf den Pisten des Berner Oberlandes lässt Viele nachdenklich werden: Der Andrang auf den verbleibenden Schnee ist an schönen Tagen ungebrochen, aber die Schneemenge ist in diesem Jahr minimal. Ohne künstliche Beschneiung ginge in mittleren Lagen gar nichts. Viel machen sich daher Gedanken, wie lange wir Wintersport in der gewohnten Form werden weiterbetrieben können.

«Kompass Schnee»: Eine ernüchternde Studie

Wie also sieht der Winter in Zukunft aus? Was sind die Prognosen für den natürlichen Schneefall in den kommenden Jahrzehnten? Was ist das Potential für die technische Beschneiung? Welche Anpassungsstrategien sind zielführend?

In Zusammenarbeit mit dem WSL- Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, MeteoSchweiz und dem Institut für Atmosphäre und Klima der ETH bieten Seilbahnen Schweiz, der Verein Schweizer Tourismusmanager und Schweiz Tourismus mit dem «Kompass Schnee» seit einigen Wochen eine wissenschaftlich fundierte Orientierungshilfe zu den aufgeworfenen Fragen für die Schweizer Wintersportdestinationen an.

Das Projekt wurde von lnnotour, dem Förderinstrument vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, gefördert. (Die Website: https://www.stnet.ch/de/kompass-schnee/ )

«Kompass Schnee» stellt verschiedene Werkzeuge und wissenschaftlich fundierte Daten zur Verfügung, um damit Bergbahnunternehmen, Tourismusorganisationen und Gemeinden in Wintersportdestinationen dabei zu unterstützen, optimale Klimaanpassungsstrategien zu formulieren.

Der «Kompass Schnee» beinhaltet wissenschaftliche Analysen und Prognosen vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF zur Entwicklung der natürlichen Schneedecke in den verschiedenen meteorologischen Regionen der Schweiz, auf unterschiedlichen Höhenlagen und mit unterschiedlicher Hangausrichtung. Man kann sich dort eine Höhenlage «aussuchen», die man genauer anschauen und bewerten will.

Auf dieser Basis werden von der Studie zahlreiche strategische Handlungsoptionen und Initiativen vorgeschlagen, wie das sportliche und touristische Angebot der Ski-Orte in Zukunft angepasst werden kann, sowie Thesen zur Zukunft des alpinen Wintersports und eine Sammlung von wissenschaftlichen Studien zum Thema publiziert. Die Grundlagen wurden im Zeitraum 2024-2025 erarbeitet und werden regelmässig auf ihre Aktualität überprüft.

Wie sind die Klimadaten zu interpretieren?

Die Daten im Kompass Schnee stehen jeweils als Ausgangswerte für das Referenzklima der Jahre 1991-2000 (Klimadurchschnittswerte 1991-2020) sowie als projizierte Werte für eine Erwärmung der Jahresmitteltemperatur in der Schweiz gegenüber dem Referenzklima von +1, +2, und +3°C zur Verfügung.

Die Schnee- und Klimaforschenden in der Schweiz erwarten derzeit (Stand 2025), dass bis im Jahr 2050 eine Erwärmung von +1 bis 1.5°C (erwartetes Klima) gegenüber dem Referenzklima des Kompass Schnee eintreten wird. Doch mit eine wenig Bergerfahrung scheint schon heute «1+» gewissermassen «Schnee von gestern» zu sein, aber +2 und +3 scheinen realistische Varianten.

Augenschein vor Ort: Entwicklung vermutlich beschleunigt

Ein Augenschein auf den Pisten liefert sehr unterschiedliche Ergebnisse: Selbst Pisten über 1700 Höhenmetern funktionieren ohne künstliche Beschneiung kaum noch: Der Schnee apert aus, und eine halbwegs schwungvolle Abfahrt kann wegen der heraustretenden Steine und der Bergwiesen ein erhebliches Risiko bergen. Erst sehr grosse Höhen bieten in diesem Jahr Schneesicherheit.

Der Kunstschnee andererseits lässt sich nicht flächendeckend, sondern nur konzentriert auf den Pisten einsetzen. Der dortige Platz wird reduziert und es drängen sich oft nur mässig kundige Skisportler auf engen Räumen.

Der Kunstschnee selbst hat eine andere Struktur, die sich vor allem bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt negativ auswirkt: Oft taut er nicht «weich», sondern entwickelt eine klumpige Struktur, die schlecht zu befahren ist. Zudem ist die Herstellung des Kunstschnees energie- und technikaufwendig.

Kommt hinzu, dass sich die klimatische Entwicklung zu beschleunigen scheint. Und anscheinend «normale» Klima-Anomalien – ein klares Paradox – wie der in diesem Jahr zu geringe Schneefall erschweren die Nutzung der Pisten.

Werden wir also weiter in Zukunft «die Skination» sein können? Wird nicht «alles zu teuer»?

Das Problem: Stimmen die Prognosen?

Es gibt viele Aspekte dieses Themas, aber eine sei hier in den Vordergrund gestellt: Wenn Pisten langfristig zu teuer für die jetzige Bewirtschaftung werden, stimmen dann die betriebswirtschaftlichen Prognosen der Destinationen noch? Und noch tiefer: Kann man dann noch von einer langfristigen Rentabilität, einem «Return on Investment» der heute schon geplanten und genehmigten Investitionen von Bergbahnen und Tourismus-Orten ausgehen? Zugang zu den Daten haben alle Destinationen und Bahnbetreiber, und sie haben immer wieder versichert, die dortigen Erkenntnisse in ihr Überlegungen einbezogen zu haben.

Ein Ausweg aus dem «Schnee-Dilemma» wird bereits heute von Vielen beschworen: Es müssen «Sommerprogramme» her. Das ist richtig, aber dabei wird vergessen, dass sich die Ergebnisse der Studie «Kompass Schnee» vor allem dahingehend auswirken, dass die Beschneiungen in den mittleren Lagen des Oberlandes dahingehend auswirken, dass die Ski-Saisons im Winter deutlich verkürzt werden. Die veröffentlichten Grafiken verdeutlichen das.

Damit sinken die verfügbaren Ski-Tage pro Saison. Im schlimmsten Fall stehen 2050, also in 24 Jahren, noch grob gerechnet maximal 60 Skitage in den mittleren Lagen zur Verfügung. In höheren Lagen wird es besser sein.

Kommt dazu dann noch einmal ein Schlecht-Wetter-Jahr, was immer das dann im Einzelnen heisst, sinken die «Umsatz-Tage» nochmals deutlich. Und im Herbst – vor der Skisaison – und im frühen Frühjahr – also nach der eigentlichen Ski-Saison – sind die Berge nass und kalt, und es ist noch offen, welche touristischen Angebote dann «outdoor» noch attraktiv sein könnten.

Aber vielleicht ist genau das die Aufgabe der kommenden Jahre: Was können wir uns selbst und den touristischen Gästen anbieten, damit sie sich und wir uns in unserer eigenen Umgebung noch wohlfühlen? – Die Zeichen der ersten und zugegeben wettertechnisch recht schönen, aber eben schneearmen Wochen dieses Jahres regen jedenfalls zum Nachdenken an.

Martin Natterer

Bilder

In dem Projekt «Kompass Schnee» wurden Prognosen über die zu erwartenden Schneehöhen in den touristischen Destinationen errechnet und veröffentlicht. Demnach wird es in vielen Oberländer Destination nur noch von Januar bis etwa März eine natürliche Schneebedeckung von 30 cm und mehr geben. Bild: SLF

Im sonnenreichen Saanenland (hier am «Hünerspil») sind selbst in Höhen von 1800m bis 2000m Höhe die Naturschnee-Pisten zum Teil derart ausgeapert, dass ein gewohntes Befahren kaum noch möglich ist. Nur Kunstschnee bewahrt einige orte vor dem Stillstand. Bild: Martin Natterer

Im immer weniger werdenden Naturschnee kreuzen sich die Spuren von Mensch und Tier. Und immer öfter sind – mangels Schnee – die Fussgänger und die «Pfotengänger» die einzigen, die sich noch in der schönen Landschaft bewegen wollen. Bild: Martin Natterer

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