Was ist überhaupt ein Kalender? Und wie kam die Bezeichnung zustande? Viele erinnern sich an das Buch «Schellen-Ursli», das den «Chalandamarz» weltweit bekannt gemacht hat. In dem romanischen Wort «Chalanda» ist noch der lateinische «Kalender» hörbar, der – vor langer Zeit – ebenfalls am 1. März, dem antiken Jahresanfang begann.
In der Schweiz hatten wir es bis vor wenigen Tagen noch mit dem «Adventskalender» zu tun, den es nun neben der hergebrachten handwerklichen Fassung auch in geschätzt über 100 Online-Versionen gibt. Weil nie sonst im Jahr der Kalender so präsent ist wie rund um Neujahr, wagen wir Ende 2025 einen Blick zurück: Zurück in die uralte und bisweilen auch in der Schweiz kontrovers geführte Geschichte des Kalenders.

Mit lautem Glockengeläut wird beim rätischen «Chalandamarz» der Winter ausgeläutet. Der durch den «Schellen-Ursli» weltbekannte Brauch wird im Engadin, Münstertal, Bergell, Puschlav, Misox, Oberhalbstein und Albulatal ausgeübt. – Bild: Claudio Schneider
Als der heutige Kalender entstand
Wir machen dazu eine kleine Zeitreise. Nehmen wir einmal an: Ein Oberländer Zimmermann aus Frutigen hatte – in unserem Gedankenspiel – Ende Oktober des Jahres 1583 eine Reise nach Basel unternommen, zu Fuss natürlich, und er wollte am 25. Oktober in Basel eine Arbeitsbesprechung mit einem Kunden machen wegen eines Auftrags, den er im darauffolgenden Jahr durchführen wollte.
Er verliess Frutigen deswegen am 20. Oktober 1583 und kam – so dachte er jedenfalls – am 23. Oktober an der Grenze zum damaligen Fürstbistum Basel an. Als man ihm aber an der Grenze nach dem Zweck seiner Reise fragte, und er die Auskunft gab, er hätte auf den 25. des Monats ein Gespräch, teilte man ihm mit, den Tag gäbe es gar nicht mehr im Basler Land.
Der Kalender sei mittlerweile auf das «päpstliche System» umgestellt worden, und einen 25. Oktober desselben Jahres hätte es nie gegeben. Er sei einfach ausgefallen, da man auf «den neuen Stil» des Kalenders umgestellt hätte. Man schreibe mittlerweile im «Fürstbistum Basel» den 2. November 1583 Anno Domini.
Der Frutiger Zimmermann in unserer Geschichte war fassungslos, denn er hatte von dieser «katholischen» Erfindung nur vom Hörensagen vernommen, aber im Leben nie gedacht, dass ihn das je einmal betreffen könnte.
Nun, gehen wir davon aus, dass er – als Eidgenosse – seine Reise dennoch ungehindert fortsetzen konnte und sein zukünftiger Kunde ihn – in Kenntnis der Umstände – dennoch «gnädig» empfangen hat, auch Anfang November neuer Kalenderrechnung.
Schweizer Kantone waren zögerlich
In der Tat führten viele Schweizer Kantone den heute gültigen und erst 1582 von Papst Gregor dem 13. eingeführten «Gregorianischen Kalender» nur sehr zögerlich ein. Die reformierten Kantone, aber auch einige katholische Kantone sowie vereinzelte autonome Gemeinden führten den «katholischen» Kalender, den wir heute haben aber erst rund 120 Jahre nach seiner Einführung im Vatikan ein: Glarus (1700), die meisten reformierten Orte der Schweiz, zum Beispiel Basel (das dann kein Fürstbistum mehr war), Bern, Genf, Mülhausen im Elsass (damals noch eidgenössisch!), Schaffhausen und Zürich, am ersten Januar 1701. Aber auch die Stadt St. Gallen (1724), das evangelische Teil des Kantons Glarus (1798) und die letzten Gemeinden im Kanton Graubünden erst 1812.
Vor über 400 Jahren: «Verlorene Tage» und der gregorianische Kalender
Warum hatte es überhaupt einen «neuen Kalender» gebraucht?
Ganz vereinfacht: Man konnte davor weder den kalendarischen Frühlingsanfang am 21. März noch – viel wichtiger – das Osterfest genau vorhersagen und bestimmen. Und nach und nach hatte der zu diesem Zeitpunkt im Jahr 1582 bereits über 1600 Jahre alte Kalender des Römer Juilius Caesar sich gegenüber den tatsächlichen Jahreszeiten bereits um 10 Tage «nach hinten» verschoben.
Die heutige Kalender-Berechnung ist nun aber sehr genau: Unser typisches Kalenderjahr ist 365.25 Tage lang. Und alle 4 Jahre fügen wir Schaltjahr ein, damit «alles wieder stimmt»: Nach dem 28. Februar kommt noch ein weiterer Tag dazu. Wir haben uns daran so gewöhnt, dass wir denken, das sei «normal».
Doch früher, in der Antike vor Julius Caesar, war das anders: Zu Zeiten der römischen Republik also vor rund 2400 Jahren, verschob sich der Kalender gegenüber den tatsächlichen Jahreszeiten bisweilen so sehr, dass der Jahresanfang schon mal in den Juni fiel. Das ist historisch belegt und kein Scherz.
Die antiken «Kalendae»
Vor Julius Caesar hatte man sich im alten Rom immer nur auf das erneute Erscheinen der Mondsichel nach dem Neumond im Frühjahr verlassen. Und daher kommt auch das Wort «Kalender»: Sobald die Priester die Mondsichel sahen, haben sie die wichtigen Tage des kommenden Monats «ausgerufen» (altlatinisch: «calò», «ich rufe aus»), und so konnten die Fest- und Gerichtstage im alten Rom bestimmt werden.
Die «Kalendae», die Ausruftage wurden daher in der Antike zu etwas «Systemrelevantem», ähnlich etwa den Wahl- und Abstimmungstagen in der heutigen Schweiz. Nur dass sie damals auch religiöse Bedeutung hatten.
Irgendwann begann man schon in der römischen Antike, immer wieder einen Schaltmonat einzufügen. Und einmal in der Geschichte Roms gab es sogar ein «verworrenes Jahr», in dem nichts mehr stimmte.
Dem hat Julius Caesar, beeinflusst von ägyptischen Astronomen, ein Ende gesetzt. Im Jahr 45 v. Chr. führte er einen Kalender – daher auch der Name „julianischer“ Kalender – ein, der zwei Dinge tat:
Mit relativ guter Genauigkeit konnte er die solaren Phänomene der Tag- und Nacht-Gleichen (lat.: »Aequinoctes») und der Jahreslängen von rund 365.25 Tagen einberechnen. Und damit war auch eine klare Bestimmung der für die römische Religion und Staatsführung existentiellen 42 «heiligen Feste» (lat: «dies fasti») möglich. Für die damaligen Römer war der Kalender also Teil ihres religiösen Systems.
Und die meisten in unserer Hochsprache verwendeten Monatsnamen gehen direkt auf die römischen Namen der Monate zurück:
Ianuarius («der Zweiköpfige»), Februarius («der Reinigungsmonat»), Mercedonius (ein Schaltmonat, den wir nicht mehr kennen), Martius, Aprilis, Maius, Iunius, Quintilis (heute: «Juili»), Sextilis (heute: August), September («der Siebte»), October («der Achte»), November («der Neunte»), December («der Zehnte».
Der julianische Kalender ist zusammengefasst ein sehr alter Solarkalender und Vorläufer des heute gebräuchlichen gregorianischen Kalenders. Er wurde im Jahr 45 v. Chr. von Julius Caesar – daher auch der Name „julianischer“ Kalender – im Römischen Reich eingeführt.
Aber schon im 4. Jahrhundert n. Chr. merkte man, dass man die christlichen Ostertermine damit nicht zuverlässig bestimmen konnte. Dann dauerte es aber doch noch rund 1000 Jahre, bis man an eine wesentliche genauere Bestimmung der Umläufe der Erde um die Sonne herangehen konnte.
Ein Algorithmus löst das «Oster-Problem»
Eine im Jahr 1582 vom damaligen Papst Gregor, dem 13., eingesetzte Kommission entschied sich dafür, den Kalender derart zurechtzurücken, dass die Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche (das «Primäräquinoktium») wieder in der Nähe des 23. März wie im Jahre 46 v. Chr., als der julianische Kalender geschaffen wurde, stattfinden sollte. Und dieses System sollte mittels einer genaueren mittleren Jahreslänge dort auch stabilisiert werden.
Hauptbestandteil der vorgesehenen Reform war – wie wir heute sagen würden – ein «korrigierter Algorithmus» zur Bestimmung des Osterfestes. Im Jahresdurchschnitt verspätet sich der gregorianische Kalender, den wir heute noch benutzen, gegenüber dem Sonnenjahr nur noch um 26,7 Sekunden, die sich erst im Lauf von 3.231 Jahren zu einem ganzen Tag summieren werden. In circa 3000 Jahren «werden wir also weitersehen».
Bei der Suche nach einem geeigneten Zeitpunkt für die Reform war die Wahl auf den Oktober 1582 gefallen, da der Kalender für diesen Monat vergleichsweise wenige Heiligenfeste enthielt und die ausgelassenen Tage auf diese Weise nur eine geringe Störung des für die katholische Kirche bedeutsamen Heiligenkalenders verursachten.
Wegen der hohen Bedeutung des Sonntags im Christentum unterbrach die Reform vor allem nicht die Abfolge der Wochentage: Auf Donnerstag, den 4. Oktober, folgte Freitag, der 15. Oktober. Alle Sonntage im julianischen Kalender sind also auch Sonntage im gregorianischen.
Zusammengefasst: Der Zweck unseres heutigen gregorianischen Kalenders bestand darin, ein weiteres Auseinanderdriften von Kalender- und Sonnenjahr zu verhindern und beide besser zu synchronisieren.
Heute ist selbst die Zeit online
Heutigentags wird selbst die Zeit online wahrgenommen. Es gibt nicht nur Funkuhren, deren Zeitsignal von schwingenden Atomen abgegriffen wird, sondern auch «Zeit-Gadgets» für den PC und natürlich auch Online-Advents-Kalender, über 100 davon in der Schweiz.
Die Zeit als Phänomen, das wir immer noch – wie zu ururalten Zeiten – im Wechsel zwischen Morgen und Abend, und im Wandel der Jahreszeiten persönlich wahrnehmen, ist aber immer noch dieselbe. Ob wir heute angesichts der ultragenauen Messungsmöglichkeit der Zeit aber immer wissen, «was die Stunde geschlagen hat», sei dahingestellt.

Ein so genannter «Ewiger Kalender», 1690 in Graubünden nach dem «alten Stil», dem julianischen Kalender, erstellt. Bild: I.J. Andri, Müstair (GR)

Sehr viele Adventskalender finden sich heute nur noch online. Doch vor 150 Jahren hat man sie noch aufwendig gedruckt und von hand hergestellt. Hier der Druckstein für den Adventskalender „Die Himmelsleiter“ von Gertrud Caspari (1873–1948): Quelle: Wikipedia, gemeinfrei.